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Kinder- und Jugendkultur

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Alexander von Humboldt im Kinder- und Jugendbuch

Getreu dem Geist der Aufklärung, mit dessen Ideen Alexander von Humboldt sich bereits vor seiner berühmten Südamerikareise in den Berliner Salons auseinandersetzte, bot der Gelehrte für Interessierte aller Schichten 1827/1828 kostenlose Vorträge, die berühmten Kosmos-Vorlesungen, in der Berliner Singakademie an. Auch betrieb er eine dementsprechende Nachwuchsförderung, welche die Bedeutung der wissenschaftlichen Eignung über den gesellschaftlichen Stand der jeweiligen Person stellte. Für ein jugendliches Publikum hat Humboldt jedoch nie gezielt geschrieben.

Dennoch war er auch in dieser Zielgruppe weithin bekannt. Viele der Briefe an seinen Bruder bzw. an andere Gelehrte wurden in Tageszeitungen abgedruckt, denen seinerzeit oftmals die Funktion einer Familienlektüre zukam. Darüber hinaus erfreuten sich vor allem die „Ansichten der Natur“ (1808), mehr noch als der schwieriger zu verstehende „Kosmos“ (1845-1862), großer Beliebtheit. Auch die Berichte in der „Gartenlaube : Illustrirtes Familienblatt“ (gegr. 1853), dem ersten erfolgreichen deutschen Massenblatt, unterstreichen den Bekanntheitsgrad Alexander von Humboldts quer durch alle Altersschichten.

Bereits sehr früh, 1805, war mit „Alexander von Humbolds Reisen um die Welt und durch das Innere von Südamerika : interessantes Lesebuch für die Jugend“ ein erster Titel erschienen, der speziell auf einen jungen Leserkreis ausgerichtet war. In sechs Bänden versuchte Friedrich Wilhelm von Schütz im Stil der beliebten Campe’schen Reisebeschreibungen in sechs Bänden die Reise des Forschers darzustellen. Allerdings geriet bereits der erste Band in die Kritik. Es handele sich, so wurde bemängelt, um eine Aneinanderreihung längst bekannter Ausschnitte von Schriftstücken Alexander von Humboldts, eine „Buchhändler Speculation, durch den berühmten Namen Humboldts die Neugier der Leser in Requisition zu setzen.“ Allen folgenden Bänden fehlte jedoch diese Basis, was sie wiederum ebenfalls angreifbar machte. Gleichwohl muß es ein öffentliches Interesse an dieser Publikation gegeben haben, denn der Verlag produzierte die folgenden fünf Bände zwischen 1807 und 1822 und gab die ersten beiden Bände zwischen 1810 und 1818 in zweiter, erheblich vermehrter Auflage heraus.

Abgesehen von einem Band mit „Thiergeschichten für Kinder von 7 bis 10 Jahren“ (1846), die jedoch nur teilweise auf Erzählungen von Humboldts rekurrierten, ist erst nach dem Tod des allseits beliebten Gelehrten ein Anstieg der Publikationstätigkeit im Kinder- und Jugendbuchbereich zu beobachten. Gerade zum 10. Todestag 1869 erschienen diverse kindgerechte Biographien, von denen einige bis zur Jahrhundertwende mehrere Auflagen erfuhren, so z.B. „Alexander von Humboldt : ein Lebensbild“ von Wilhelm Buchner (1871 und 1882) sowie „Alexander von Humboldt : ein Lebensbild für Jung und Alt“ von Ferdinand Schmidt (2. Aufl., 1869 und 6. Aufl., 1902). Interessant ist auch ein dreiteiliger Bericht in der seinerzeit jüngst aufgelegten Kinderzeitschrift „Illustrirte Zeitung für Kleine Leute“ (1875, Heft 2, 3, 4).

Zwischen den Weltkriegen wurde diesem Themenbereich offenbar nur wenig Beachtung geschenkt. Es fällt jedoch auf, dass es sich bei beiden Titeln, die aus diesem Zeitraum in der Staatsbibliothek vorhanden sind, um zielgruppenspezifische Adaptionen von Originaltexten Alexander von Humboldts handelt: „In den Urwäldern und Llanos von Südamerika“, 1929 herausgegeben von Hans Wohlbold und „Reise in Südamerika“ bearbeitet von Arthur Schiel (1930).

In den folgenden fünfeinhalb Jahrzehnten durchlief Deutschland verschiedene Phasen der Teilung und auch der politisch gewollten pädagogischen Schwerpunktsetzungen. Dennoch kann für beide deutschen Staaten eine nur sehr geringe Titelproduktion zum Wirken und zur Person Alexander von Humboldts konstatiert werden. Es erschienen jeweils kaum eine Handvoll neuer Titel, stattdessen etablierte sich sowohl im Osten als auch im Westen jeweils ein Titel, der im Folgenden immer wieder aufgelegt oder unter neuem Titel bzw. als Broschur angeboten wurde. Ein deutlicher Unterschied bestand jedoch in der Behandlung des Sujets: Während der beliebteste Titel im Osten - „Die Wiederentdeckung Amerikas“ mit Texten von Alexander von Humboldt, zusammengestellt und bearbeitet von Paul Kanut Schäfer (1. Aufl., 1959; 7. Aufl., 1979) - stilistisch nah an den Originaltexten Humboldts blieb, wurde das Thema im Westen - „Draußen wartet das Abenteuer : Alexander von Humboldt und sein Freund Aimé auf kühner Fahrt ins Unbekannte“ von Thomas Michael Zottmann (1. Aufl., [vermutl.] 1957, 1960; auch unter „Alexander v. Humboldt erforscht die Welt“ 1957, auch als TB, 1962) zu einem veritablen Abenteuerroman verarbeitet.

Ein richtiggehender Hype ist erst in jüngster Zeit auszumachen. Die sechs Titel, deren Erscheinungszeit etwa mit dem 150. Todestag des Gelehrten zusammenfällt, sind sowohl dem neu auflebenden Bereich der Biographie als auch der erzählenden Literatur zuzuordnen. Letztere ist deutlich im Bereich der eher freien literarischen Verarbeitung des Stoffes anzusiedeln, während die Bedeutung der Reiseerzählung in der Humboldtschen Tradition in den Hintergrund tritt.

Sigrun Putjenter