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Kinder- und Jugendkultur

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"Hurra wir lesen" - eine Erinnerung an die Illustratorin Tom Seidmann-Freud

Die Illustratorin und Kinderbuchautorin Tom Seidmann-Freud, die zu den bedeutendsten BuchkünstlerInnen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gehört, wurde am 17. November 1892 als Martha Gertrud Freud in Wien geboren. Ihre Mutter Maria Freud, eine Schwester Sigmund Freuds, heiratete 1887 ihren Cousin zweiten Grades, Moritz Freud. Die Familie, zu der außer Martha Gertrud die Schwestern Margarethe und Lilly gehörten, siedelte 1898 nach Berlin über. Im Jahr 1904 wurden die Zwillinge Georg und Theodor geboren, von denen nur Theodor überlebte, Georg kam tot zur Welt. Auch Theodor war kein langes Leben beschieden, er starb unter tragischen Umständen im Alter von 18 Jahren bei einem Badeunfall.

Martha Gertrud, die im Alter von 15 Jahren den männlichen Vornamen Tom annahm, besuchte nach dem Schulabschluss zunächst eine Kunstschule in London und begann nach ihrer Rückkehr eine Ausbildung an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin. Ihr erstes Bilderbuch, das "Baby-Liederbuch", wurde 1914 in Berlin im Verlag Reuss & Pollack veröffentlicht. Von 1918 bis 1920 lebte die junge Künstlerin in München. Dort erschien in der renommierten Reihe "Dietrichs Münchener Künstler-Bilderbücher" unter dem Titel "Das neue Bilderbuch" ein weiterer Band für Kinder. 1920 kehrte Tom Freud nach Berlin zurück und heiratete dort 1921 den Schriftsteller und Übersetzer Jakob (Jankew) Seidmann. 1922 wurde die gemeinsame Tochter Angela (Avivah) geboren. Zusammen mit ihrem Mann gründete Tom Seidmann-Freud den Peregrin-Verlag, in dem ihre Bilderbücher "Die Fischreise" und "Buch der Hasengeschichten" sowie eine russische Ausgabe der "Kleinen Märchen" erschienen.

Von besonderer Bedeutung für ihre künstlerische Arbeit war die Begegnung mit dem Berliner Verleger Herbert Stuffer, in dessen Verlag von 1927 an die meisten ihrer Bücher veröffentlicht wurden. Stuffer war eine der anregendsten Persönlichkeiten der Berliner Kinderbuchszene. Im Juli 1926 hatte er in Berlin-Charlottenburg einen Verlag gegründet, in dem er vorrangig Bilderbücher, Jugendschriften und Belletristik publizierte. Der künstlerischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossene Verleger förderte ambitionierte Kinderbuchprojekte; zu seinen AutorInnen und IllustratorInnen gehörten u. a. Karin Michaëlis, Lisa Tetzner, Susanne Ehmcke, Elsa Eisgruber und Friedrich Böer.


Im Stuffer-Verlag erschienen die Werke von Tom Seidmann-Freud, welche heute zu ihren bekanntesten gehören: Die Verwandlungsbilderbücher "Das Wunderhaus" und "Das Zauberboot" und die vier Spielfibeln - zwei Schreib- und Lese- sowie zwei Rechenfibeln -    die einen pädagogischen und ästhetischen Gegenentwurf zu den traditionellen Schulbüchern bilden. Mit ihren Fibeln wollte Tom Seidmann-Freud Kinder spielerisch auf die Schule vorbereiten und ihnen Freude am selbständigen Lernen vermitteln. Sie sind für den ersten Unterricht von Vorschülern und die Ergänzung des Unterrichts bei Schulanfängern gedacht. In ihren Notizen schreibt die Autorin: "Die alte Schule zwingt nur zu einem unausgesetzten Laufen nach Zielen, zu einem Miteinanderringen um das ‚Können’ von dem, was der allmächtige Erwachsene verlangt. Dabei werden aber die Türen zu dem wirklichen Können verrammelt."

Die Spielfibeln von Tom Seidmann-Freud konnten erst posthum veröffentlicht werden. Am 19. Oktober 1929 hatte sich der Ehemann der Künstlerin wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten das Leben genommen. Tom Seidmann-Freud, die mit ihrem Mann sehr eng verbunden war, erkrankte an einer schweren Depression und schied am 7. Februar 1930 ebenfalls freiwillig aus dem Leben. Die verwaiste Tochter Avivah fand später in Israel eine neue Heimat. Gemeinsam mit ihren Kindern und Enkelkindern ist sie seit mehreren Jahren intensiv darum bemüht, das Andenken an das künstlerische Werk ihrer Mutter zu bewahren.

Tom Seidmann-Freud hat mit ihren poetischen Bilderbüchern und Spielfibeln einen herausragenden Beitrag zur Modernisierung der Formensprache im Kinderbuch des frühen zwanzigsten Jahrhunderts geleistet. Die Wirkung ihrer Bücher beruht auf der klaren und zugleich zarten Farbigkeit und den im Stil der neuen Sachlichkeit auf das Wesentliche reduzierten Formen. Den unvergänglichen Zauber dieser Bücher aber macht vor allem das Einfühlungsvermögen der Künstlerin in die kindliche Vorstellungs- und Erfahrungswelt aus.

Carola Pohlmann

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